TOURENBERICHTE

Motorradtour Zentralschweiz

Zu Gast bei Wilhelm Tell


Zu Gast bei Wilhelm Tell-Motorradtour Zentralschweiz


Es gibt nicht nur himmelhohe Berge und atemberaubende Pässe im Alpengärtlein Schweiz zu entdecken. Im Herzen unseres Nachbarlandes, dort wo einstmals alles begann, begeistern den Besucher idyllische Landschaften und pralle Geschichten – so spannend, dass auch Motorradfahrer hochalpine Gipfelfreuden kaum jemals vermissen werden …

 

War es nun Mord oder Notwehr, was da im Jahr 1307 in Küssnacht geschah? Besaß Wilhelm Tell das Recht, den grausamen Habsburger Landvogt Gessler in der berühmten „Hohlen Gasse“ mit Pfeil und Armbrust zu töten. In Friedrich Schillers Drama sagt er dazu jenen Satz: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen … hier vollend ich's, die Gelegenheit ist günstig..“ Der Rest ist bekannt: Ein Schuss, ein Schrei und mit Gessler war’s vorbei. 

Spannender Geschichtsunterricht

Seit 1934 kümmert sich die „Schweizerische Stiftung zur Erhaltung der Hohlen Gasse“ darum, dass sich eines der wichtigsten Nationaldenkmäler in würdigem Rahmen präsentieren kann. So auch Sozia Kirsten und mir, als wir in Küssnacht unser Quartier aufgeschlagen haben, um uns die spannende Geschichte der Schweiz erzählen zu lassen. Natürlich an Originalschauplätzen - und ebenso natürlich im Mopedsattel. 

Bereits die ersten Kilometer am nächsten Morgen zeigen, dass wir trotz guter Vorbereitung eines vergessen haben: Bikini und Badehose. Denn schon Tour eins ist überaus reich an Bademöglichkeiten. Über Meggen und Seeburg geht es am Ufer des malerischen Vierwaldstättersees entlang nach Luzern. Die Stadt begeistert mit ihren zahllosen Ansichtskarten-Panoramen, da wir aber den Abend hier verbringen wollen, gebe ich der Varadero erst einmal die „Zügel lang“. Über Rothenburg geht es zum Sempacher See sowie an dessen Ostufer über Sempach weiter nach Sursee mit hübschem historischen Rathaus. Wir folgen der Sure und schwingen gemütlich durch beschauliche Ortschaften frei von roten Ampeln. Über Teufenthal erreichen wir den Hallwilersee, das wohl beliebteste Badeparadies der gesamten Region. 

Der Zugersee hingegen ist vor allem berühmt für seine malerischen Sonnenuntergänge. Da den See im Nordwesten keine Berge umrahmen, versinkt die Sonne hier sozusagen „direkt“ im Wasser. Und die Kantonshauptstadt Zug am Ostufer gilt selbst innerhalb der Schweiz als wahre Steueroase, da sie die niedrigsten Steuersätze des ganzen Landes gewährt. Und die sollen – man mag es kaum glauben - sogar noch individuell verhandelbar sein. 

Bankers Arbeitsplatz

Tour zwei entführt uns anderntags zunächst einmal zu einer Stippvisite in die Region um Zürich, dem wichtigsten Wirtschaftszentrum des Landes direkt am gleichnamigen See. Denn mag auch Zürich nicht direkt zur Zentralschweiz gezählt werden, es liegt gleich um die Ecke und lohnt einen Besuch allemal. Über Hochdorf und die Badeseen-Kombi aus Baldegger- und Hallwilersee schwingen wir gemütlich Richtung Norden, weite landwirtschaftliche Flächen wechseln mit schattigen Waldstücken, die Orte entlang des Weges zelebrieren die sprichwörtliche Schweizer Beschaulichkeit. Plötzlich wird es hektischer um uns herum, der Verkehr nimmt deutlich zu, als wir uns dem Dunstkreis von Zürich nähern. Spontan beschließen wir, die Stadt in einer separaten Tagestour zu besuchen. Denn das Westufer des herrlichen Zürichsees lockt uns mit prächtigen Ausblicken nicht nur auf Rapperswil, die „Rosenstadt“. Hier sollen alljährlich zwischen Juni und Oktober über 15.000 Rosen blühen. Wir haben sie allerdings nicht nachgezählt. 

2000 Mann fanden den Tod

Recht unscheinbar begrüßt uns spätnachmittags der Ägerisee, der ein eigenes Kapitel in Schweizer Geschichtsbüchern besitzt. Ein höchst spannendes: Denn hier am Ägerisee fand 1315 die berühmte Schlacht am Morgarten statt, eine Schlacht, die das Schicksal der Schweiz für immer veränderte. Die Männer aus dem naheliegenden Örtchen Schwyz besiegten gemeinsam mit Verbündeten aus Uri und Unterwalden die Habsburger, indem sie deren gut ausgerüstetes Heer überfallartig mit Holzstämmen und Felsbrocken derart bombardierten, dass über 2.000 Habsburger Ritter getötet wurden. Am reich verzierten Rathaus von Schwyz erzählen Wandmalereien heute noch diese bedeutsame Geschichte. 

Wo einstmals alles begann

Und direkt gegenüber dem gewaltigen Morgarten-Schlachtgemälde am Schwyzer Rathaus liegt das nette Café „Kreuz & Quer“ (auch „Rossini“ genannt), in dem wir gleich am nächsten Morgen den ersten koffeinhaltigen Boxenstopp einlegen. Soviel Zeit muss sein, gleichwohl unser heutiges Pensum recht ordentlich ist. 

Anschließend treibe ich unsere Varadero hinauf zum ersten Pass des Tages: den Ibergeregg mit 1.406 m Höhe. Fahrerisch schlicht, aber dennoch ein beliebter Töfftreff. Auf einsamer Piste geht es dann hinab zum Sihlsee mit dem Wallfahrtsort Einsiedeln. 

Noch immer ist kein Schweizer Töfffahrer zu entdecken, als wir das Sattelegg in Angriff nehmen, einen 1.200 m hohen Minipass, der uns hinüber in den Kanton Glarus führt. Von dessen gleichnamiger Hauptstadt zweigt das Klöntal ab mit seinem atemberaubenden Klöntalersee. „Wer seine Einsamkeit ein einziges Mal bei günstigem Licht geschaut, kann das Bild zeitlebens nicht mehr vergessen.“ schwärmte bereits Carl Spitteler, einer der berühmtesten Schweizer Schriftsteller. 

Boxenstopp im Kreuz & Quer

Einige alpine Kilometer weiter klappen wir oben am Pragelpass auf 1.550 Höhenmetern den Seitenständer aus. Der an Wochenenden für Kraftfahrzeuge gesperrte Pass verbindet das Klön- mit dem Muotatal, vor allem seine auf weiter Strecke einspurige Westrampe bietet fahrerisch einige Herausforderungen. Retour in Schwyz geht es direkt an den malerischen Vierwaldstättersee nach Brunnen. Hier ist sie in der Ferne auszumachen: Die legendäre Rütliwiese, jener geheimnisvolle Ort, an dem sich in der mondlosen Nacht auf den 1. August 1291 die Abgesandten von Schwyz, Uri und Unterwalden trafen, um an Eides statt zu schwören, ihr Land von der Herrschaft der Habsburger Landvogte zu befreien. Friedrich Schiller ersetzte einen der Abgesandten aus dramaturgischen Gründen durch Wilhelm Tell und ließ ihn das feierliche Bündnis schwören, das seitdem als der Beginn der Schweizer Eidgenossenschaft gilt. Ja seit 1994 ist der 1. August sogar der höchste Schweizer Nationalfeiertag.

Über Altdorf, Beckenried und Stans erreichen wir zu guter Letzt den Bürgenstock, einen 10 km langen Bergrücken, der im Norden, Osten und Südosten direkt vom Vierwaldstättersee umschlossen wird. 1871 wurde auf dem Aussichtsberg das erste Grand-Hotel erbaut, Sophia Loren, Audrey Hepburn, Sean Connery, Jimmy Carter und Henry Kissinger waren Gäste hier oben. Wen wundert’s bei diesem Ausblick … 

Wir gönnen uns nochmals die Altstadtgassen von Luzern mit ihren unzähligen Kneipen und Restaurants. Denn morgen heißt es Abschied zu nehmen aus der Heimat von Wilhelm Tell, diesem Nationalhelden, der bestimmt kein Mörder war. Nein – ich plädiere auf Freispruch wegen erwiesener Notwehr …

Text und Bilder: Heinz E. Studt
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BILDER MOTORRADTOUR ZENTRALSCHWEIZ

Baldeggersee_03
Brunnen_Vierwaldst...
Buergenstock_04
Buergenstock_Vierw...
Buerglen_TellMuseu...
EchtLecker_01
Hochdorf_Hohenrain_02
Kloental_07
Kuessnacht_01
Kuessnacht_Seebode...
Luzern_Altstadt_07
Morgarten_Schlacht...

KOMMENTARE

wp.sommer 13.12.12
Super Tourbeschreibung mit direkten Links zu den GPS-Daten. Vielen Dank.
 

 
 
 

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