TESTBERICHTE
Kawasaki VN 2000
Eine Frage des Hebewerks
Aller Anfang ist schräg
Der Fahrfreude voraus steht nun mal die Prozedur, ein Bike aus der schräglagigen Seitenständerposition in die Startsenkrechte zu stellen. Und die VN 2000 klotzt mit ihrem Body, wie ein Frachtschiff es nicht besser könnte. Eine Motorradgazette verkündete doch jüngst, das ultimative Männerbike gefunden zu haben, denn keine Frau wäre in der Lage die Kawasaki vom Seitenständer zu heben. “Ach Gottchen”. Ich stehe jetzt bei WiKo, umringt von Neugierigen, die sehen wollen, wie kräftig eine Motorradjournalistin sein muss, um ihre Arbeit tun zu können. Mal ehrlich: Man muss mit viel Mut und Schwung an dem ausladenden Lenker ziehen, um den Dickfrosch im 90°-Winkel stehen zu haben. Willenskraft pumpt Energie in die Muskeln, und schon habe ich den Trumm, wo ich ihn haben wollte, nämlich fahrtklar. Wie zumeist, spielt sich das Horrorszenario nur im Kopf ab. Die ersten Kilometer bewege ich die VN 2000 wie ein rohes Ei, halte sie krampfhaft an den Ampeln in der neutralen Senkrechten, bloß nicht einen Millimeter mit der Fuhre zur Seite kippen, denn selbst Arnie könnte die 370 Kilogramm ab einer kleinen Neigung nicht mehr halten.
Erstaunlich
Nach den ersten etwas unsicheren Kilometern, siegt das Gefühl für das Bike über die beschwerenden Gedanken. Der breite Lenker liegt gut in den Händen, ein richtiges Hebelwerk ist er. Durch seine Dimensionen wird das zu rangierende Gewicht kompensiert. Dank der niedrigen Höhe des bequemen Schalensitzes von 680 mm haben auch kleine Menschen beide Füße sicher auf dem Boden. Mein Zutrauen wächst und mit ihm das Ausloten der Fahrfähigkeiten des mehr als 2,50 Meter langen Cruisers. Das langgestreckte, tiefliegende Fahrwerk besteht aus einem Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen mit gegossenem Lenkkopf und einer verwindungssteifen Schwinge. Erstaunlich ist das Handling selbst bei ganz niedriger Geschwindigkeit. Zusammen mit dem breiten Lenker lassen sich die mehr als sieben Zentner trialmäßig an der Ampel ausbalancieren.
Trittbretter
Kawasaki wäre nicht Kawasaki, würde nicht jedes Modell des Herstellers einen Hauch des sportlichen Flairs der Marke in sich tragen. Der Motor mit seinen 2.053 ccm entwickelt bei 3.200 U/min ein Drehmoment von 177 Nm und wirft bei 4.800 U/min 103 Pferdestärken auf den Asphalt. Ein 200er Hinterreifen hilft die Leistung in Fahrdynamik umzusetzen. Mit diesen Eckwerten alles kein Thema mit dem sportlichen Flair. Aber wie bitte schön soll man dieses betrittbretterte Radstand-Monster um Serpentinen oder sonstige Engkurven mäandern? Ha, es geht. Ja, es fährt sich sogar genüsslich durch derartige Kurven. Dabei schleifen die Trittbretter noch nicht einmal aushebelartig. So schnell droht von ihnen keine Gefahr, sie sind nämlich Cruiser untypisch hoch angebracht. Gepaart mit dem Dampf des flüssigkeitsgekühlten Aggregats, kann man es mit der VN 2000 mächtig krachen lassen. Das hätte ich dem Dickschiff so nicht zugetraut.


0