TESTBERICHTE
Harley-Davidson CVO Softail Convertible
Serienmäßiger Nachbrenner
Dies ist kein Bike für schüchterne Zeitgenossen. Die CVO Softail sorgt immer und überall für Aufsehen. Egal wo man lang fährt, tief eingebettet in die niedrige Customsitzbank, die Beine lang vorgestreckt, kann man die Passanten beobachten, wie sie ihre Köpfe drehen und ehrfürchtig das Wort Harley wispern. Dabei werden die wenigsten wissen was sich hinter dem Namen Harley-Davidson CVO Softail Convertible verbirgt.
Screamin’ Eagle ist das Zauberwort, treibt jedem Harley-Fan die Gänsehaut in den Nacken. Statt 1.584 bringt die CVO exakt 1.800 Kubik mit. Der Leistungszuwachs von 6 PS ist zwar eher bescheiden, wichtiger ist da schon die Steigerung des Drehmoments auf 131 NM die schon bei 2.500 U/Min anliegen. Die „normale“ Softail braucht für ihre 121 NM immerhin 3.250 U/Min. Convertible bedeutet in der Harley-Welt einen voll ausgestatteten Tourer zu bekommen, bei dem man Scheibe, Ledersatteltaschen und Soziusbrötchen schnell abmontieren kann und zehn Minuten später einen aggressiv gestylten Cruiser zum Posen an der Eisdiele zur Verfügung hat. Abgesehen von diesen abnehmbaren Teilen gibt es eine Menge verchromter Parts, retro Radabdeckungen, Custom-Chrom-Räder von Stinger, einen 200er Hinterreifen und eine spezielle handgemalte Werkslackierung. Auch die Instrumentenkonsole ist für Harleyverhältnisse von einem anderen Stern. Das zentrale Instrument vereint einen analogen Drehzahlmesser mit digitaler Geschwindigkeitsanzeige. Sieht wirklich chic aus, auch wenn Puristen wahrscheinlich wieder laut aufschreien. Die Sitzhöhe, besser gesagt die Sitztiefe liegt bei 650mm. Insgesamt 340 kg Leergewicht (!) bringt die CVO Softail auf die Waage. Bleibt noch der Preis: 29.335 Euro will der Händler für die CVO Softail haben. Zum Vergleich: eine Rocker C bekommt man für 20.935 Euronen.
Rund um 2.000 U/Min vibriert der Motor noch brav sein pott-ta-to-pott-ta-to, von da an geht´s dann aber mit dem Drehmoment und der Kraft eines Schwarzen Lochs voran. Auf dem Prüfstand würde die Leistungskurve eher einer Achterbahn ähneln. Es folgen Leistungslöcher wo ihr etwas die Luft fehlt, aber bei 3.200 U/Min ist sie wieder voll da. Die CVO Softail ist merklich stärker als die Standardversion, dreht schneller, aber bei 5.500 U/Min ist plötzlich der ganze Spuk vorbei. Ist bei einer luftgekühlten Harley-Davidson ja auch nicht anders zu erwarten. Klingt bis jetzt alles sehr technisch. Um es für Harleykundige genauer zu formulieren: noch nie hat eine luftgekühlte Harley-Davidson so einen Druck gemacht. Das Triebwerk der CVO Softail liefert Power in allen Lagen, der Durchzug ist nochmal eine Klasse besser als man es von Harleys ohnehin gewohnt ist. Beim Beschleunigen sitzt man fast etwas hilflos mit weit nach vorne gestreckten Armen und Beinen, krallt sich am Lenker fest und sucht Halt für den Rücken. Dazu bollert der Screamin’ Eagle Twin mit allen seinen 1.800 Kubik einen Sound aus den Tüten, der mehr als suchtgefährdend ist.
Wo Japaner mit Plastikteilen ausgestattet sind, ist hier ein riesen Haufen echtes Metall verbaut und die unglaublichen 340 Kilogramm Trockengewicht machen es einem wirklich schwer dieses Motorrad aus der Garage zu rangieren. Aber wenn sie einmal rollt, fährt sie dank des tiefen Schwerpunktes wie auf Schienen. Ein echtes amerikanisches Eisen eben, mit komfortablen Sitz und großer Reichweite. Und einmal in Bewegung, lässt sie sich auch leicht manövrieren. Wenn man allerdings die Trittbretter genauer betrachtet, wird klar daß diese schon beim Verlassen des Händlerparkplatzes am Boden kratzen werden. Wenn die Straßen schlechter werden oder der Fahrer die CVO Softail mit einem Sportmotorrad verwechselt, ist es mit der Stabilität auch schnell vorbei. Ist nicht wirklich eine Überraschung, dafür wird die Harley-Davidson ja auch nicht gebaut. An die Bremsen sollte man ebenfalls keine zu hohen Erwartungen stellen. Fuß- und Handbremse führen bei gemeinsamer Betätigung zwar zu einigermaßen zufriedenstellenden Ergebnissen. Aber Harley-Davidson hätte der CVO Softail bei diesem Preis und dem Gewicht auch ruhig noch eine 2. Bremsscheibe am Vorderrad gönnen können. Von ABS ganz zu schweigen. Fazit
Die CVO Softail Convertible hat mit ihrem 110 Cubicinch Motor ein heisses Eisen im Rahmen hängen. Noch nie hat eine Harley-Davidson von Hause aus soviel Druck mitgebracht. Die CVO Softail ist leistungsmäßig über jeden Zweifel erhaben. Gewicht, Bremsen und Handling sind leider die Kehrseite der Medaille. Dennoch, wer je Gelegenheit hatte sich auf die CVO Softail zu schwingen und mit ihr eine Runde zu drehen, wird sein Sparschwein solange würgen, bis es den Aufpreis ausspuckt.
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